Von Beginn an stand ein Thema im Mittelpunkt, das die Menschen weltweit bewegt: der Frieden. Stammapostel Helge Mutschler verwies auf Wien als „Stadt des Friedens“ und erinnerte an die internationale Bedeutung der österreichischen Hauptstadt. Zugleich machte er deutlich, dass die Sehnsucht nach Frieden weit über politische Konflikte hinausgeht. Sie betrifft ebenso Familien, Gemeinden und persönliche Beziehungen. Überall gibt es Streit, Verletzungen und Unfrieden – und überall den Wunsch, dass dies endlich aufhört.
„Jesus Christus ist unser Friede“
Im Mittelpunkt der Predigt stand das Bibelwort aus dem Epheserbrief, 4,1-3. Dort wird die Gemeinde dazu aufgerufen, „würdig“ ihrer Berufung zu leben. Stammapostel Mutschler betonte, dass diese Worte nicht als zusätzliche Liste von Aufgaben verstanden werden sollen. Vielmehr gehe es darum, das bereits von Gott Geschenkte im eigenen Leben sichtbar werden zu lassen.
Die ersten Kapitel des Epheserbriefes seien ein großer Lobpreis: Die Menschen seien durch Christus gesegnet, erlöst, berufen und mit Hoffnung erfüllt. Deshalb folgt die Aufforderung, entsprechend zu leben. Der „neue Mensch“, der durch Christus geschaffen wurde, soll auch als solcher leben.
Besonders eindrücklich wurde dies am Bild einer Mauer im Jerusalemer Tempel. Sie trennte Menschen voneinander und bestimmte, wer Zugang zu bestimmten Bereichen hatte. Paulus greife dieses Bild auf, wenn er von Christus sagt: „Denn er ist unser Friede.“ Jesus Christus habe die trennende Mauer niedergerissen und die Feindschaft überwunden. Frieden sei deshalb nicht bloß ein ferner Wunsch oder eine politische Vision. „Der Friede ist da“, betonte der Stammapostel. „Friede ist keine Utopie.“
Angst als Wurzel des Unfriedens
Einen besonderen Schwerpunkt setzte Stammapostel Mutschler auf die Frage, warum Menschen überhaupt Unfrieden schaffen. Hinter selbstbezogenem Verhalten, Streitlust oder dem schnellen Ausgrenzen anderer vermutete er häufig eine tiefere Ursache: Angst.
Die Angst, nicht gesehen, nicht geliebt oder nicht anerkannt zu werden, könne Menschen dazu bringen, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, andere zu bekämpfen oder Beziehungen aufzugeben, sobald diese den eigenen Erwartungen nicht mehr entsprechen. Auch Ungeduld könne aus der Angst entstehen, dass nichts Gutes mehr komme.
Hier setzt nach den Worten des Stammapostels Jesus Christus an. Seine vollkommene Liebe treibe die Angst aus. „Habt keine Angst“ sei deshalb kein Befehl, sondern eine Zusage: Christus sei da und liebe den Menschen. Diese Erfahrung könne den inneren Kampf beenden und den Weg zu Demut, Sanftmut und Geduld öffnen.
Das Angesicht des Friedens
Stammapostel Mutschler beschrieb Demut, Sanftmut und Geduld nicht als Forderungen, die der Mensch aus eigener Kraft erfüllen müsse. Vielmehr zeige sich darin das „Angesicht des Friedens“, welches Christus dem Menschen schenke.
Wer erfahre, dass er von Gott gesehen und geliebt werde, müsse nicht mehr ständig um Anerkennung kämpfen. Wer selbst die Liebe Christi erlebe, könne dem anderen begegnen, ihn sehen, ihm zuhören und ihm Zeit schenken. Auch Geduld werde möglich, wenn ein Mensch erkenne, dass Gott selbst geduldig mit ihm ist.
Als besonders starkes Bild verwies der Stammapostel in der Vorbereitung auf Sündenvergebung und die Feier des Heiligen Abendmahls auf Jesus, der seinen Jüngern die Füße wäscht. Christus, der Allmächtige, macht sich klein und dient. Darin liege die Botschaft: „Ich liebe dich.“ Wenn diese Liebe die Angst auflöse, könne auch der Kampf aufhören. An seine Stelle treten Demut, Sanftmut und Geduld.
Auf dem Weg des Friedens
Der christliche Weg sei damit kein Abarbeiten von Regeln. Stammapostel Mutschler sprach vom Bild eines Weges, den die Gläubigen bereits begonnen hätten. Sie sollten einfach weitergehen – mit Christus, der selbst der Friede ist.
Dabei verband er die Gegenwart mit der Hoffnung auf die Wiederkunft Christi und das Friedensreich. Dann werde allen Menschen zugesprochen werden, dass sie gesehen und wertgeschätzt sind. Doch bereits heute gebe es ein „Abbild des Friedens“. Die neue Schöpfung und der vollkommene Frieden seien Zukunft, aber Christus schenke seinen Frieden schon jetzt.
Frieden beginnt im Kleinen
Bezirksapostel John Schnabel griff in seinem Predigtbeitrag den Gedanken auf, dass Frieden in den kleinen Entscheidungen des Alltags sichtbar wird. Nicht große Gesten seien entscheidend, sondern Freundlichkeit, Rücksicht und die Art, wie Menschen miteinander umgehen.
Er verglich die Gemeinschaft mit einem Stoff, in dem jeder Mensch ein Faden ist. Jede freundliche Tat, jedes Wort und jede Entscheidung trägt dazu bei, diesen Stoff des Reiches Gottes zu weben. Jeder Faden sei wichtig – der eigene ebenso wie der des Bruders und der Schwester.
Auch Apostel Carsten Denker unterstrich, dass der Ruf zum Frieden jeden Einzelnen persönlich betrifft. Frieden könne nicht davon abhängig gemacht werden, dass zuerst die anderen ihr Verhalten ändern. Er beginne bei jedem selbst. Anhand einer Begegnung zweier zerstrittener Kinder zeigte er, wie einfach ein erster Schritt manchmal sein kann: nach einer Nacht des Zornes gegen den anderen, ein einander Begegnen, ein Händedruck, die Frage „Friede?“ – und die Bereitschaft zur Versöhnung.
Das Heilige Abendmahl als Zeichen des Friedens
Vor dem Heiligen Abendmahl griff Stammapostel Mutschler seine zentrale Botschaft nochmals auf. Wo Christus gegenwärtig sei, höre Streit auf. Im Abendmahl begegne der Mensch nicht einem Christus, der ihm seine Fehler vorhalte, sondern dem, der sich in Demut vor ihn beugt und ihm seinen Frieden schenkt.
So werde das Abendmahl zu einer Begegnung mit dem „Angesicht des Friedens“. Die Gläubigen seien eingeladen, diesen Frieden nicht nur zu empfangen, sondern ihn auch in ihren Alltag mitzunehmen und an ihrem jeweiligen Platz ein „kleines Licht des Friedens“ anzuzünden.
Eine Botschaft für den Alltag
Der Gottesdienst hinterließ eine klare und zugleich ermutigende Botschaft: Frieden beginnt nicht erst mit großen politischen Entscheidungen. Er beginnt im Herzen und in den Beziehungen der Menschen.
Stammapostel Mutschler machte deutlich, dass Christen nicht zuerst eine weitere Aufgabe erfüllen müssen. Sie dürfen auf Christus schauen und aus seiner Liebe heraus leben. Wo Angst durch Liebe überwunden wird, können Demut, Sanftmut und Geduld wachsen. Wo Menschen einander sehen, achten und vergeben, wird der Friede Christi sichtbar.
„Frieden ist keine Utopie“ – diese Aussage wurde so zum Leitgedanken des Gottesdienstes. Der Friede Christi ist nach den Worten des Stammapostels bereits Wirklichkeit. Die Aufgabe des Menschen besteht nicht darin, ihn selbst zu erschaffen, sondern sich auf diesen Weg mit Christus zu begeben und ihn im eigenen Umfeld sichtbar werden zu lassen.
Und diese Aufgabe nahmen die neuapostolischen Christinen und Christen aus ganz Österreich mit und darüber hinaus die Vertreterinnen und Vertreter der ökumenisch verbundenen Kirchen sowie die Bezirksapostel Peter Lambert (Südafrika), John Schnabel (Nordamerika), Thomas Deubel (Schweiz) und die Apostel Carsten Denker (Westdeutschland), Jürgen Loy (Süddeutschland), Dimitrios Diniz (Portugal), Rolf Camenzind (Tessin, Italien, Spanien, Kuba), Vasile Cone (Rumänien), Reto Keller (Schweiz) und Matthias Pfützner (Österreich, Schweiz, Slowenien, Tschechien, Ungarn).
Fotos Stefanie Mayrwöger