Rastplatz für die Seele
„Dass sie alle eins seien“ – dieses Wort aus dem hohepriesterlichen Gebet Jesu stand im Mittelpunkt des Gottesdienstes. Zunächst lenkte Apostel Pfützner den Blick jedoch auf die Stille. Er verglich den Gottesdienst mit einem „Rastplatz für die Seele“. Wie auf einem Berggipfel oder am Ufer eines Sees brauche die Seele Zeiten des Stillstands, um Vergangenes loszulassen und neue Kraft zu schöpfen.
Mit Psalm 62 richtete der Apostel den Fokus auf Gott: „Meine Seele sei stille zu Gott.“ Kirche könne so zu einer Oase werden, in der Glaubensgelassenheit und Vertrauen wachsen.
Jesus fordert nicht – er betet
Die Jünger Jesu waren sehr unterschiedliche Menschen. Jesus wusste, dass ihr Miteinander nach seinem Abschied nicht einfach werden würde. Dennoch sagte er nicht einfach: „Seid eins!“ Er betete für sie.
Dieses Gebet galt nicht nur den damaligen Jüngern, sondern allen, die durch ihr Wort an Christus glauben würden – und damit auch den Christen von heute.
Darin liege etwas Entscheidendes, so der Apostel: Bevor Jesus seinen Jüngern die Einheit anvertraut, vertraut er sie seinem Vater an. Einheit beginnt deshalb nicht mit menschlicher Anstrengung, sondern mit Gottes Handeln.
Einheit ist nicht Gleichheit
Christliche Einheit bedeutet nicht, dass alle gleich denken, gleich empfinden oder jede Situation gleich beurteilen müssen. Jesus beseitigt Verschiedenheit nicht. Er schafft Einheit, indem er unterschiedliche Menschen an sich bindet.
Was hält Christen dann zusammen? Der Apostel verwies auf Epheser 4: „ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller“.
Ein anschauliches Bild bot der Chor. Die Sängerinnen und Sänger standen in einem Halbkreis um den Dirigenten. Sie waren voneinander unterschiedlich weit entfernt, hatten aber denselben Mittelpunkt. So könne auch Einheit in der Kirche verstanden werden: Je näher Menschen Christus kommen, desto näher kommen sie auch einander. Christliche Einheit entsteht dort, wo unterschiedliche Menschen ihre gemeinsame Mitte in Christus finden.
„Du liebst Christus und ich liebe Christus – und mit dem Blick auf ihn gehören wir zusammen.“
Einheit bewährt sich, wenn sie etwas kostet
Es gebe Zeiten, in denen Einheit leichtfalle. Und es gebe Zeiten, in denen sie etwas koste. Manche Entscheidungen seien verständlich, andere nicht. Manche Veränderungen würden begrüßt, andere könnten schmerzen. Situationen könnten von Menschen sehr unterschiedlich beurteilt werden.
Gerade dann zeige sich, was christliche Einheit bedeutet.
Einheit bedeute nicht, keine Fragen mehr stellen zu dürfen. Sie bedeute nicht, Verletzungen zu leugnen oder unterschiedliche Meinungen zu verschweigen. Christen dürften miteinander ringen, einander sagen, was sie verletzt, und gemeinsam um den richtigen Weg suchen.
Entscheidend sei, was danach geschieht: „Wir stehen nicht auf und erklären den anderen zum Gegner. Wir bleiben am Tisch.“
Christen setzten sich deshalb nicht auseinander, sondern zusammen – gerade dann, wenn sie sich bereits auseinandergesetzt haben.
Den anderen nicht aufgeben
Der Tisch des Herrn wurde dabei zum besonderen Bild dieser Gemeinschaft. Christus ruft unterschiedliche Menschen an denselben Tisch und verbindet sie miteinander, ohne ihre Verschiedenheit aufzuheben.
Einheit bedeute deshalb: „Ich gebe meinen Bruder, meine Schwester nicht auf. Und ich gebe Christus nicht auf.“
Gemeinschaft wachse dort, wo Menschen miteinander reden, einander zuhören, füreinander beten, einander tragen und vergeben – und manchmal auch einander ertragen.
Priesterin S. Fürthbauer griff diesen Gedanken auf und erinnerte mit Epheser 4 daran, die Einheit „durch das Band des Friedens“ zu bewahren – in Demut, Sanftmut und Geduld.
Wie gehen Christen mit Verschiedenheit um?
Die Einheit der Christen sei nicht nur für sie selbst von Bedeutung. Jesus verbinde in seinem Gebet die Einheit seiner Jünger mit ihrem Zeugnis gegenüber der Welt: „damit die Welt glaube“.
Die Glaubwürdigkeit des christlichen Zeugnisses hänge deshalb auch daran, wie Christen miteinander umgehen. Nicht daran solle man sie erkennen, dass sie immer einer Meinung seien, sondern daran, wie sie miteinander umgehen, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind.
Daraus formulierte Apostel Pfützner einen konkreten Auftrag: miteinander reden, einander zuhören, füreinander beten, einander tragen und vergeben. Und wenn Menschen unterschiedlich denken, sollen sie einander trotzdem lieben.
Seine Bitte an die Gemeinde fasste er so zusammen: „Bewahrt die Einheit – um Christi willen. Bleibt bei Christus. Und weil ihr bei Christus bleibt, bleibt beieinander. Gebt einander nicht auf.“
Den Gottesdienst schloss er mit einer grundlegenden Zuversicht: Die Kirche müsse ihre Einheit nicht erst selbst herstellen. Christus habe sie ihr geschenkt. Ihre Aufgabe sei es, dieses Geschenk nicht preiszugeben.
„Kämpfen wir nicht um die Einheit – beten wir für sie.“